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Die Kerzen von Kiew

DIE KERZEN VON KIEW
Teil I
Kellerkinder


„Bist du’s, Grigori. Mach die Tür zu; vergiss den Riegel nicht, den Riegel“. Die Stimme kommt von ganz unten. Grigori steigt vorsichtig die abgetretenen Stufen hinab; das feuchte Dunkel weicht ganz langsam dem warmen Schein einer Kerze. Die tanzenden Schatten an der gewölbten Kellerwand gehören zu Vitali, zu Igor, zu Jewgenji, zu Lidwina und zu den anderen.
Es mögen 10 sein, die sich jeden Abend in diesem Keller treffen.
10 – die es eigentlich nicht geben dürfte in Kiew, der ukrainischen Hauptstadt. 10 Straßenkinder, jedes mit einer ganz eigenen Geschichte. Ihr Zuhause ist oftmals hundertmal unwirtlicher als dieser tägliche Kampf ums kindliche Überleben auf den Straßen von Kiew und eben der abendliche Rückzug in den Keller, gleich hinter der Mykhalovskaya-Straße im Zentrum dieser großen Stadt im Hinterhof eines verlassenen Abbruchhauses.
Langsam wird es wärmer da unten, einige rauchen, andere wickeln sich in dünne klamme Decken und sie alle träumen von einer schönen, hellen Welt. Sie träumen vielleicht auch von einer warmen Stube, von einem Tisch, an dem alle sitzen – Vater, Mutter und Geschwister – es gibt eine große Schüssel Borschtsch, heiss und dampfend und Vater erzählt von seinem Tag im Bergwerk. Träume sind das, die den Keller füllen !
Auch Grigori träumt. Wie lange schon ist es her, dass sich Vater und Mutter getrennt haben. Klug und besonnen, wie Vater war, konnte es nicht gut gehen mit den Eltern. Jeden Tag eine Flasche billigen Wodka, jeden Tag Streit, jeden Tag das Warten auf irgendeine Katastrophe. Die Mutter war’s, alkoholsüchtig und nicht mehr fähig, auch nur einen Funken Wärme in die kleine Familie zu senden.

Für Grigori, den 12-jährigen, wird alles nur noch schlimmer, als Vater weggeht. Er, ein fähiger Computerspezialist, bekommt eine befristete Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis hier bei uns in Deutschland. Er drückt den Jungen ein letztesmal an sich, als er seine persönliche Habe holt. Oft hat er es auch nicht getan, aber diesmal dauert es lange. Zu lange fast für Grigori, der solche Nähe nicht mehr kennt. Beide, Vater und Sohn, weinen nicht. Aber sie leiden, als sie voneinander gehen.
Allein mit Mutter wird es immer schlimmer. Sie fällt mehr und mehr ins bodenlos Nichts der Sucht, sie verfällt und verkommt. Sie schlägt Grigori, wenn kein Wodka im Haus ist, sie gibt ihm die Schuld, wenn kein Geld da ist, um welchen zu besorgen.
Und er entflieht dieser Welt aus Rausch und Gewalt und Kälte. Die Straße, der Keller und seine Freunde sind jetzt sein Daheim.
Einzig Katalina, eine pensionierte Lehrerin in der Nachbarschaft mag ihn, den Jungen. Sie mag sein struppiges Haar, seine wachen Augen und seinen beweglichen Geist und seine herzliche Freundlichkeit. Und ihre Türe ist immer offen für Grigori. Mancher Teller heisser Suppe hat ihm wieder Kraft gegeben, wenn er drauf und dran war, in seinen noch so jungen Jahren zu verzweifeln. Selber nur mit einer dürftigen Rente von ca. 30 € am Rande des Existenzminimums lebend, ist sie es, die Grigori ab und zu auch einen Griwna zusteckt. Er kann das Geld gut gebrauchen.
Für Kerzen !
Ja, Kerzen sind eine wohl wichtige Währung für Grigori und die andern im Keller. Ohne Kerzen kein Licht und keine Wärme, eben dunkelste Nacht. Nächte zum Fürchten.
Mit Grigori’s Mutter wird es immer schlimmer. Drei Tage dauert es, bis man sie findet. Tot. Er kann nicht weinen, das hat er verlernt in diesen Zeiten. Und trotzdem legt er eine weisse Rose, die er im Abfall hinter der großen Markthalle findet, an die Urne seiner Mutter.
An diesem Abend rücken sie enger als sonst zusammen, die 10 im Keller. Sie nehmen ihn in ihre Mitte und schälen ihm eine Banane, eine aus dem Abfall hinter der Markthalle, wo Grigori die Rose gefunden hat. Igar war es, der ein fast volle Kiste schöner, reifer Bananen vor der Müllabfuhr retten konnte und mit in den Keller gebracht hat. Grigori fühlt sich gut an diesem Abend.
Die Tage in der Straßen der Stadt am Dnjepr, waren sie bisher schon nicht leicht, wurden für Grigori immer schwieriger. Betteln, im Müll nach verwertbarem suchen, keinen Schmerz zeigen dürfen und jetzt auch auf der Flucht vor den Behörden, die nach dem Tod der Mutter die Frage stellen: Wo ist Grigori und was hat mit ihm zu geschehen ?
Wieder sind es Igor und die anderen, die allesamt auf der Hut sind, wenn die graue Limousine langsam in die Mykhalovskaya-Straße einbiegt. Zweimal kurz, einmal lang durch die Finger gepfiffen, ist für Grigori das Zeichen: Schnell in den Keller, die Zivilpolizei ist wieder auf der Suche.


Grigori weiß nicht, was besser wäre, sich der Fürsorge des Amtes in einem zentralen Heim für elternlose Kinder zu ergeben oder, flüchtig und gehetzt, sein Tage auf den Straßen von Kiew zu erleben, auf der Suche nach Wärme ?
Und sei es nur der Schein einer Kerze im Keller auf dem Hinterhof der Mykhalovskaya-Straße.



DIE KERZEN VON KIEW
Teil II
Licht und Schatten



Igor, der mit der Bananenkiste, ist es, der die bedrückende Stille im Keller unterbricht. „Grigori, pass auf auf dich. Du wirst es besser haben. Ein ordentliches Land, dieses Deutschland. Und denk an uns. Nimm dir eine Kerze mit, für den Fall …..“. „Hör schon auf, Igor“.
Eigentlich sollte es ein kleines Fest werden, diese letzte Nacht im Keller mit Grigori. Die gute Katalina hat ihm noch eine große Tüte Schmalzgebackenes mitgegeben für alle. Aber, wo es sonst bei solchen seltenen Köstlichkeiten ein munteres schmatzen und palavern gibt, wollte heute so gar keine Stimmung aufkommen. Jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach. „Es gibt nichts verwerbares hinter den Markthallen. Ich hab’ mal gelesen, alles und jedes wird fein säuberlich getrennt und in eigenen Behältern gesammelt und weggefahren“. Lidwina, leise wie immer, murmelt nur: „Und Licht, Licht ohne Ende“.
Dies ist wohl auch das Signal für die Kerze in der Mitte des Gewölbes. Im letzten Aufflackern tanzen die Schatten an der Wand wie ein Ballett, ein Ballett der vergessenen Kinder von Kiew.
Der Vater war’s, der sich seiner Pflicht für Grigori bewusst war und Antrag an die Ausländerbehörde auf „Familiennachzug“, wie es so schön heisst, gestellt hat.
Die Bedingungen für den positiven Bescheid waren klar:
• Sicherstellung des Lebensunterhalts in Deutschland für den Sohn Grigori
• Erfüllung der hier geltenden Schulpflicht
• Erlernen der deutschen Sprache
• Bei Straffälligkeit sofortige Ausweisung in das Herkunftsland
• Aktives Bemühen um Integration in das deutsche Gastland

Da sitzt er nun im Flieger nach Frankfurt am Fensterplatz und sieht zum erstenmal sein Kiew von oben. Jetzt wird ihm auch bewusst, warum die Stadt immer „die Stadt mit den goldenen Kuppeln“ genannt wird. Prachtvoll leuchten vieltürmige Bauten in der Morgensonne. Nur seine Straße, die Mykhalovskaya sieht er nicht, vielleicht auch wegen der Tränen, die er tapfer unterdrückt.
Die Bordverpflegung beeindruckt ihn weniger als das, was an Gutem wieder zurückgegeben wird, achtlos von adretten Stewardessen in große Behälter unter dem schmalen Servierwägelchen gekippt.

Der Empfang ist herzlich, aber nicht so warm und innig wie vor gut einem Jahr der Abschied. Beide, Vater und Sohn, spüren wohl die Spannung dieses Neubeginns. Und während sie sich drücken und umarmen schaut Grigori über die väterliche Schulter zum Himmel, nach Osten, dort wo Kiew sein könnte.
Die kleine Stadt, die kleine Welt in der Familie des Vaters, der in der Zwischenzeit wieder geheiratet hat, das kleine Zimmer, alles wohlbestellt und geordnet.
Warum leuchten Grigori’s Augen nicht so wie früher, wenn es wieder mal Schmalzgebackenes gab im Keller von Katalina?
Wie recht sie hatten, die Freunde aus dem Keller. Schon eine Stunde nach Ende des Wochenmarktes am Domplatz ist alles weggeräumt und blitzblank sauber.
Waren etwa da die ihm so vertrauten Hinterhöfe, wo jetzt eine riesige Baustelle im Herzen der Stadt den Aufbruch in eine neue Zeit des Konsums anzeigt. In den Galerien der Neuen Mitte – Tag und Nacht in gleißendes Licht getaucht ?
Grigori weiss es nicht. Er will auch nicht lange fragen. Wenigsten zwei oder drei Burschen lernt er kennen auf seinen Streifzügen durch die Stadt, die seine Sprache sprechen.
Der Vater verbietet’s, Grigori tut’s trotzdem. „Kein Umgang für dich“, heisst es kurz und knapp.
Immer lauter und heftiger werden die Gespräche zwischen Vater und Sohn. Die Stiefmutter, still und unterwürfig, eine Ukrainerin, schweigt und hantiert verunsichert mit dem Teegeschirr in der kleinen Küche.
Die Abende werden mehr, in denen Grigori ohne Gute-Nacht-Gruß direkt in sein Zimmer geht, dort das Licht löscht und seine Kerze anzündet, die, die er aus Kiew mitgebracht hat. Mit den tanzenden Schatten an der Wand redet er dann, er redet mit Igor und Jewgenji, mit Vitali und Lidwina. In solchen Augenblicken ist ihm wohl.
Manchmal scheint es, als hätte Grigori sein Kellergewölbe aus Kiew mitgenommen. Aber der Riegel, ganz oben am Treppeneingang bleibt immer vorgeschoben.
Alle bemühen sich. Die Schule, der Deutschkurs, auch immer wieder der Vater und, zurückhaltend, auch die Stiefmutter. Der Riegel bleibt zu und Grigori tut wortlos, was diese neue Welt von ihm verlangt. Und sein Herz bleibt stumm, auch wenn er schon deutsch sagen kann: „Heute ist ein schöner Tag“.
Die Freunde vom Busbahnhof sind schneller, als eine Polizeistreife um 11 Uhr nachts eine Razzia durchführt.
Grigori, noch keine 14, wird aufgegriffen, der Vater verständigt und aufgefordert, den Sohn auf der Wache abzuholen. Wahrt er bei der Übergabe noch das Gesicht, verliert er schon auf dem Weg nachhause die Kontrolle über sich.
Schlimm ist er anzuschauen am nächsten Tag, der kleine Grigori. Schule und Jugendamt reagieren ohne Verzug. Der Vater bricht weinend zusammen bei seiner polizeilichen Vernehmung, er leugnet nichts.
Kindsmisshandlung – dieser Tatvorwurf reicht aus, seine Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung in Frage zu stellen. Ihm wird bewusst, was dies für ihn, seine Frau und für Grigori bedeutet. Zurück nach Kiew – 50 € Arbeitslohn im Monat, wenn überhaupt Arbeit zu finden ist.
Doch auch den Behörden ist diese bittere Konsequenz aus diesem unheilvollen Kreislauf bewusst. Diesen gilt es jetzt zu durchbrechen !
Wieder ist es Katalina, die Lehrerin in Kiew, die sich anbietet, Grigori eine verlässliche Pflegemutter zu werden.
Es gibt keine Vorschrift in den Kinder- und Jugendgesetzen für jene Entscheidung, die dann von allen Beteiligten einvernehmlich getroffen wird:
Mit einem problemlosen Transfer von einmalig 3000 € zu treuen Händen von Katalina – vergleichsweise die Kosten für gerade mal einen Monat in einer heilpädagogischen Jugendhilfeeinrichtung – sind Lebensunterhalt und Ausbildungskosten für Grigori
auf Jahre hinaus sichergestellt.
Lediglich der Zoll am Flughafen Frankfurt in die Maschine nach Kiew war davon zu überzeugen, dass 300 Kerzen und ein Camping-Gaskocher kein Gefahrgut sind, welches Grigori im Gepäck mitführt, sondern viel Licht und Wärme für den Keller beim Hinterhof an der Mykhalovskaya Straße von Kiew.
13.1.08 21:17
 


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